Dienstag, 25. Juni 2024, Start 10:00 bis -17:30 in 7,5 Stunden 550 HM rauf, 615 HM runter
Nach dem Frühstück in der Trattoria legen wir los. Wir machen noch unser Selfie mit der Kirche und zünden auch wieder eine Kerze an. Den Stempel bekamen wir schon gestern in der Unterkunft. Leider sind die Stempel am Pilgerweg einfach gemacht ohne jede Eigenheit. Die Kirchenstempel sind sehr schön ausgearbeitet mit Wappen, aber auch diese gibt’s nur vereinzelt. Wir gehen auf einer Forststrasse sehr steil bergauf, das Wetter ist perfekt. Nach 1 ½ Stunden erreichen wir den höchsten Punkt auf 850m. Wir gehen leicht bergab und treffen auf eine Alm mit einer kleinen Kirche, einer Waldschenke und einem Gedenk Friedhof. Eine Art „Heimkehrer-Kapelle“, wie man sie bei uns kennt. Ein paar Einheimische sind da und räumen auf. Zum Trinken bekommen wir hier leider nichts, so verlassen wir den schönen Ort ohne Pause und gehen weiter bergab. Auf einem schmalen Pfad geht’s talwärts, wir hören das Rauschen der Gebirgsbäche. Schön, romantisch aber auch wild. Etwas langsam kommen wir voran. Wir queren wieder ein paar Bäche, müssen uns dazu auch den Schuhen entledigen. Wir gehen weiter und hören bald Autolärm. Das stimmt uns zuversichtlich, dass wir dem Tagesziel näherkommen. Im dichten Wald sehen wir plötzlich die Autobahn unter uns! Wir sind wieder motiviert! Unser Elan wird aber bald wieder gebremst. Der Pfad wird immer schmaler, der Abgrund unter uns immer tiefer. Wir hanteln uns an den Wänden im absturzgefährdeten Gebiet Meter für Meter weiter. Es gibt nur ein paar Sicherungsseile, der Rest ist sehr schwierig zu gehen. Der Untergrund ist auch noch sehr rutschig. Wir haben Respekt! Wir gehen die Kehren weiter und plötzlich muss ich stehen bleiben. Ich wanke kurz, mir wird schwindlig. Vor mir ein Abgrund über mehreren Hundert Meter Tiefe!













Ich muss mich hinsetzen, Sabine handelt schnell und geistesgegenwärtig. Sie gibt mir was zu Essen und zu trinken, ich folge Ihren Anweisungen und setze mich auf den Boden. Ich kann nicht mehr. Ich bin ihr sehr dankbar. Erst nach 20 Minuten geht’s wieder, ich bin wieder bei mir und bei Kräften. Wir gehen langsam bedächtig weiter. Den traumhaften Ausblick nach Chiusaforte runter, auf den Alpe Adria Radweg und die Autobahn halten wir kurz am Foto fest, lange stehen bleiben wollen wir nicht. Es ist so steil hier überall, man muss aufpassen, wo man hintritt. Nach 2 Stunden Abstieg sind wir am Talboden angelangt.Wir blicken ehrfürchtig zurück. Wenn man so hinauf sieht, kann man sich gar nicht vorstellen, dass von da oben ein Weg hinunter geht. Wir versuchen vergeblich in die Kirche zu kommen wegen dem Stempel, wieder ein Weg umsonst. Wir gehen also zum berühmten alten Bahnhof. Dieser aufgelassene Bahnhof aus der Kaiserzeit dient jetzt als kleines Ristorante am Alpe Adria Radweg. Skurril und romantisch. Da muss man eine Pause machen. Mir zittern immer noch die Beine, ich bin froh um die Pause. Gut gestärkt nehmen wir die letzten 5 Kilometer in Angriff, diese sind regelrecht ein Spaziergang jetzt. Wir schlendern den Radweg entlang nordwärts. Wir kommen uns vor wie Außerirdische. Als Wanderer oder noch schlimmer als Pilger bist du hier in der Minderheit, zudem fahren alle hinunter Richtung Süden, und wir gehen als einzige gen Norden. Machen wir was falsch? Nein – wir sind am Pfad des Herrn, sozusagen gehen wir einem höheren Ziel entgegen. Stimmt ja auch, unser Ziel ist ja oben am Monte Lussari. Nach fast 7 Stunden erreichen wir Dogna. Wir sind laut Pilger Plan 3 Stunden länger als geplant unterwegs, wir wissen nicht warum wir so lange gebraucht hatten, ob diese Zeitangabe stimmen kann ist uns nicht ganz erklärbar. Die letzten Kilometer auf dem schnurgeraden Radweg waren unendlich fad und zogen sich wie Strudelteig. Zuerst gingen wir in die Kirche, heute zünden wir extra Kerzen an für die gemeinsam überwundenen Schwierigkeiten. Wir finden unsere Unterkunft sogleich und werden nett empfangen. Aber gerade noch rechtzeitig, bevor sie zusperren. Wir nächtigen wieder in einer Foresteria. Das Haus ist sehr gut ausgestattet und fast luxuriös für einen Pilger. Es gibt eine Gemeinschaftsküche mit Grundnahrungsmittel, die man sich einfach nehmen kann. Unseren Stempel bekommen wir auch hier. In der Kirche gabs ihn nicht. Die Nächtigung inkl Essensverpflegung kostet nur 20 Euro pro Person. Da wir aber zuerst durstig sind, brauchen wir Bier 😉 Ein Einkaufsgeschäft gibt es auch hier nicht. Es gibt im Haus gegenüber aber einen 24/7 Selbstbedienungs Shop. Von der Seife, über Brioche bis hin zum Bier ist alles da. Man muss es sich nur nehmen. Nein, so einfach ist es nicht. Ich versuche Tortellini und ein Risotto für das Abendessen und Bier dem Automaten zu entlocken. Ersteres gelingt auf Anhieb, das Bier aber wird zur Challenge. Der Automat gibt Alkohol nur mit einem italienischen Ausweis frei. Was tun?! Es ist knapp vor 6, die Angestellte aus der Gemeinde ist noch da. Wir fragen sie, ob sie uns aus der Patsche hilft. Sie hat eigentlich schon Dienstschluss, hilft uns aber trotzdem. Es ist uns etwas peinlich natürlich. Denn sie muss Ihren Ausweis bei jeder Dose Bier in den Automaten stecken. Wir nehmen 6 Bier, schließlich haben wir es uns verdient und am Abend ist noch EM Fussball Holland-Österreich, welches wir wieder am Handy verfolgen. Tipp des Tages: Nach dem Abstieg gehts wieder bergauf!

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